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Kapitel 1
(Bad) Bevensen

von meiner Geburt bis zum Erreichen der Mittleren Reife 1965

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V 8- 10. September 22

In einer Hinsicht haben doch alle ihre Heimat verloren - wir sind alle Migranten aus dem
Land der Kindheit.

---------- Georgi Gospodinow, zitiert nach Daniel Speck, Piccola Sicilia


An einem 29. August bin ich geboren, wie Michael Jackson zehn Jahre später (er war berühmt, hochbegabt) und einen Tag nach Johann Wolfgang von Goethes Geburtstag.
(Ich kann wirklich nichts dazu!)

Da sieht man mich als Baby, auf dem Schoß meiner ältesten Schwester und daneben hockt meine andere Schwester; wir sind jeweils vier Jahre auseinander. Christa, die älteste, immer freundlich, nett und zuvorkommend. Meine andere Schwester Heidrun und ich, wir sind da zurückhaltender. (Dass man das schon an unseren Gesichtern ablesen kann, dürfte ein Zufall sein. ;-)

 

Ich bin ein Sonntagskind sagte man mir später, nachts um 2 Uhr geboren, aber das weiß ich im Grunde gar nicht. - Aber welche frühe Erinnerung hab ich? Ich hatte einen Russenkittel sonntags an, das war sehr modern. Ich bin mal in der Gosse langgegangen und habe Pferd gespielt. Böse Zungen behaupten, dass ich mir die Hosen runtergezogen habe; Pferde hätten ja auch keine Hosen an. Da kam zu dieser Zeit ein "Honig"mann in unsere Straße. Honig!!! Er hatte eine riesige Tonne, in die ich hineinblickte und unsere Mutti kaufte davon.
Auch eine frühe Erinnerung ist, dass ich unsere Haustür mit Matsch beworfen habe. Ich war aus irgendeinem Grund sehr wütend und musste dann zur Strafe mittags ins Bett. Die Sonne schien so schön!! Aber ich glaube, man hatte Mitleid mit mir, sodass ich dann schon bald wieder raus durfte. Die beworfene Tür kann man auf dem Foto, wo ich mit etwa 12 mit dem Pusterohr stehe. Anlass war das Kinderschützenfest, bei dem wir keine Holzgewehre, sondern Pusterohre hatten, mit denen auch der König "ausgeschossen" wurde. Es ist das älteste Kinderschützenfest Deutschlands.


Dann, dazu passend, der Ausmarsch der Schützen, direkt vor unserem Haus und dem der Familie Frenz. Auf dem Foto rechts sieht man, dass das Haus eine Dachgaube besaß. Da oben war aber nichts weiter, nur Abstellräume.

 

Meine Mutter räumte dort oben gerade auf und ich, da war ich vielleicht vier, sah eine Puppenstube, mit der meine Schwestern gespielt hatten. O, damit möchte ich spielen. Aber meine Mutter entgegnete, dass das nichts für Jungen sei. Auch mein Drängeln half nichts.

Das kleine gemietete Haus in der in der Bahnhofstraße 5 von Bevensen, später Bad Bevensen, fand ich eigentlich ganz gemütlich. Meine Eltern sahen das anders, da sie wegen der damaligen Wohnungsbewirtschaftung das größte Zimmer abgeben mussten, auf dem Foto links von der Haustür. Dort wohnte nun eine Flüchtlingsfamilie mit zwei Kindern. Ich spielte ab und zu mit dem Mädchen,

Imke vor unserem Küchenfenster

 

Imke, etwa vier Jahre alt, der Bruder war zu klein für mich. Allerdings hatte ich den Eindruck, dass die Frau unseren Kontakt nicht gut fand - ihn allerdings auch nicht verhinderte. Der Mann war freundlich zu mir. Zwischen meinem Eltern und ihnen gab es keinen Kontakt.
Die Nachkriegszeit, die 1950er Jahre. Die vielen Flüchtlinge hatten es schwer, man hat sie wohl nicht mit Begeisterung aufgenommen. Ich habe davon allerdings nichts mitbekommen, abgesehen von der Situation in unserem Haus.

Wenn man in das Haus reinkam, war links, hinter diesem großen Zimmer, die Küche. Im Winter hockte ich mich auf eine Fensterbank und sah dem fallenden Schnee zu. Hinter der Küche war ein Kinderzimmer. Da schlief ich, nachdem vorher wir drei Geschwister dort geschlafen haben.
Wenn man den Flur weiterging, kam man auf den Hof. Gegenüber war ein Schuppen, in dem unser Plumpsklo war und wenn ich dort mein großes Geschäft machte, dann rief ich hinterher: “Mutti, ich bin fertig.“ Und Mutti kam, um mir den Hintern abzuwischen. Mein Nachbar und späterer Lehrer machte sich immer darüber lustig. Über dem Klo war ein Heuboden, auf dem ich manchmal spielte. Links neben diesem Schuppen war eine unbebaute Stelle, die dann nach ca drei Metern mit einer hohen Mauer vor dem Nachbargrundstück endete. (auf dem Winterbild unten gut zu sehen) Diese unbebaute Stelle war eine lange Zeit ein Spielplatz für mich, ich baute dort aus Matsch Straßen und Häuser, meine Freunde hatten aber keine Lust da mitzuspielen. Weiter links war dann eine nicht benutzte Garage, die dann das Grundstück nach links begrenzte.

Kurtchen und ich

Auf dem Dach der Garage haben wir dann öfter gespielt, bis ich da plötzlich runtergeflogen bin, auf den Weg aus Feldsteinen. Meine Freunde liefen in Panik davon, meine Mutter eilte bestürzt aus dem Haus und kümmerte sich um mich, aber – o Wunder – ich hatte nichts und war recht bald wieder ganz normal. Aber zu unserem Ärger durften wir nicht mehr auf der Garage spielen.
Die Grenze zu unseren Nachbarn Frenz bildete ein Holzzaun bzw eine mobile Holzwand; daneben
war ein Maschendrahtzaun mit einem bequemem Loch zum Durchschlüpfen. (Foto links)

Da wohnte auch der erwähnte Lehrer im ersten Stock mit seiner Familie, eine sehr nette Frau und zwei Mädchen, etwas älter als ich. Er war kriegsverletzt und ihm wurde ein Posten in einem Ministerium in Bonn angeboten; er schlug es aus, wohl weil er immer mal wieder Probleme mit seiner Kriegsverletzung hatte. Ich fürchtete mich ein wenig vor ihm, aber das war grundlos; seine beiden Töchter haben sich jedenfalls nie über ihn beschwert.

Als Frenz’ heirateten, war ich vier oder fünf. Ich glaube nicht, dass ich auf der Hochzeit war, aber ich habe zwei Hochzeitslieder in Erinnerung, weil sie manchmal über den Hof ertönten, aus der Radio-Werkstatt.
Es waren die „Caprifischer“ von Rudi Schuricke und – mir besonders im Gedächtnis – „Annelisse“ von Arno Simon. Ich habe ja die Kapitel mit der zeitgenössischen Musik meines Geschmacks "garniert", diesmal ist sie „fremdbestimmt“ ;-)


Familie Frenz hatte ein Rundfunkgeschäft, es gab also Radios, Musiktruhen (!), die ersten Fernseher, schwarz-weiß; und er hatte ein Tonbandgerät. Die Werkstatt war irgendwo oben und ich war als kleines Kind dort auch zu „Besuch“. Ich hatte dann gesagt: „Mein Vati hat sowas nicht!“, Herr F. nahm das mit dem Tonbandgerät auf und ließ das im ganzen Hof ertönen. Einmal musste ich wohl auch eine Radioröhre kaputt gemacht haben: Radioröhren ( die Vorgänger von Transistoren, die Vorgänger von integrierten Schaltungen).
Als meine älteste Schwester schon arbeitete, kaufte sie sich dort ein Radio, wo man seitlich eine Single einschieben konnte, dazu bekam sie eine Single von Perez Prado geschenkt. Haben wir wohl tausendmal gehört. Als ich mit ca zwölf die „aktuelle“ Musik für mein Alter entdeckte, hörte ich Radio Luxemburg, das englische Programm ab 19 Uhr auf der Mittelwelle, was anderes gab es nicht. Schräkelig. Fading. Da hörte ich viel Musik, die man heute teilweise wohl als Schmusemusik bezeichnen würde, aber vor allem hatte es mir „Sweet Nothin’“ von Brenda Lee* angetan. (
Diese Live-Aufnahme von Brenda Lee hat in seiner Qualität den Charme von den Mittelwellensendungen von Radio Luxemburg der 1960er Jahre.)

Ich fand diese Platte (damaliger Jargon!) absolut super, meine Mutter fand diese Musik furchtbar: „Ulle Jazzmusik!“ sagte sie unwirsch dazu, aber im deutschen Radio, das war für mich der NWDR, lief nur, was Musik angeht, Operetten- oder „Zigeunermusik“. Ich verwende diesen Namen bewusst, damals wusste ich nichts von den Verfolgungen in der Nazi-Zeit. (Jahrzehnte später, als ich als Lehrer mit meiner 10. Klasse in der DJH Ludwigsburg war, fuhren wir an einem Abend – der Bus war die ganze Zeit da (Was für ein Luxus!) – nach Marburg zu einem Zigeunerkonzert). Dass diese Musik im Radio gespielt wurde, war immerhin ein kleiner Beitrag zur Rehabilitation der Roma. Aber mit zwölf war das natürlich nicht meine Musik.
Beim Radio kann ich mich sonst nur an zwei Dinge erinnern: Walter Scherau hatte eine sehr beliebte Rätselsendung, die Funklotterie des NDR. Scherau hatte eine freundliche, sonore Stimme. Und dann, 1956, hörte mein Vater abends die Nachrichten vom Einmarsch der Russen in Ungarn, beklemmend. Meine Schwester Heidrun berichtete mir, dass er Angst hatte. (Während ich das schreibe, ist gerade Krieg, der Angriff der Russen auf die Ukraine ...)
Zurück zu Brenda Lee. Ich wollte unbedingt die Platte haben, aber sie war in dem großen Katalog des Rundfunkgeschäfts nicht aufgeführt. „Sowas gibt es nicht!“ Ja, so war das in den 1950er Jahren.

Unserer Nachbarin Frau Frenz, also Tante Hertha, war ich sehr zugetan und sie mochte mich auch. Da ich schon damals keinen Käse aß, bat sie mich eines Morgens, als ich in ihrer Küche war, doch mal eine halbes Brötchen mit Käse zu essen, "ich will nur mal sehen, ob du das wirklich nicht magst." Ich aß das Brötchen, ihr zuliebe, allerdings mit „Todesverachtung“ und „hochbeinig“, wie sie sich ausdrückte. Aber damit war das Thema Käse erledigt.

Ein Schneemann mit meiner Schwester Heidrun, dem Verwandten Hans-Herrmann und ich. Hinten rechts sieht man die Wand des Schuppens, links die Garage, dazwischen war der Spielraum, in dem ich mal Häuser und Straßen aus Matsch baute.


Meine älteste Schwester Christa besuchte die Volksschule, sonst hätte man Schulgeld zahlen müssen, das war in unserem Haushalt nicht drin. Sie kam dann bald in die Lehre, nach Ebstorf, ich glaube, sie war erst 14. Dort musste sie schwer schleppen, was sich im Alter böse rächte. Meine zweite Schwester ging zur Realschule. Wenn sie mit ihren Freundinnen was unternehmen wollte, dann musste sie mich oft mitnehmen, sehr zu ihrem Ärger. Manchmal unterhielten sie sich in einer Art Geheimsprache, die ich nicht verstand und wütend wurde. Heidrun und ich waren aber auch alleine mit dem Fahrrad unterwegs, einmal auf abenteuerlichem Pfad, da kamen wir erst gegen sieben nach Hause, sechs war ausgemacht, da hatte man sich schon große Sorgen gemacht.


An den Abend des 30. Juni 1958 erinnere ich mich über ein halbes Jahrhundert später sehr genau. Es war warm, die Sonne schien, eine Amsel saß auf dem nahen Schuppen und sang herrlich. Ich alberte mit dem Hühnerfutter herum und meine Mutter ermahnte mich deshalb.

Das waren die letzten Stunden meiner wunderschönen Kindheit.


DIE SCHRECKLICHE VIER

Dieses Kapitel ist nur über diesen Link erreichbar. Man kann es überspringen, wenn man so Trauriges nicht lesen mag.

 

Meine liebe Oma

Sie wohnte in der Pastorenstraße und war die Mutter meiner Mutter. Dachten wir, war aber nicht so. Sie war "angeheiratet" und vielleicht deshalb die liebste. "Deshalb" bedeutet, dass die Teppers alle etwas gräsig waren, ist aber vielleicht nur ein Vorurteil. Als es meiner Mutter immer schlechter ging, war sie immer zur Stelle und dann wurde sie die wichtigste Bezugsperson für mich. Sie kochte Mittagessen und lernte mit mir für den Konfirmandenunterricht. Das Eigenartige war dabei, dass sie die Strophen schon auswendig konnte, wenn ich immer noch "am Schwimmen" war. Aber sie war sehr geduldig.

Einmal hatte ich die Strophen - wir hatten jede Woche ein neues Lied auf ("Später werdet ihr mir mal dankbar sein!") - nicht gelernt, mein Freund auch nicht. Das kam dann raus und wir sollten am nächsten Tag um vier bei ihr, Fräulein Knapp, erscheinen. Brav wie wir waren, fanden wir uns rechtzeitig ein, ein großes Donnerwetter fürchtend. Weit gefehlt: wir wurden mit Kakao und Kuchen bewirtet und mussten das Versprechen abgeben, dass wir ab jetzt immer alles auswendig lernen. Das versprachen wir.

Und dann kam die Konfirmation.

Ach, da fällt mir noch etwas ein. Neben Superintendent Stünkel, nicht nur von mir hoch verehrt, gab es noch Pastor B., allerdings nicht hoch verehrt. Seine Tochter Annelotte war in meiner Grundschulklasse. Als wir mal nachmittags zusammen spielen wollten, sagte der: "Mit dem spielst du nicht!" Das hat dann wohl meine Ansicht von der Kirche beeinflusst.

Also die Konfirmation. Auf dem Foto stehen wir in alphabetischer Reihenfolge. Der Große neben mir war uns fremd, er war nur zur Konfirmation da. Sein Name Baumgarten, glaube ich, jedenfalls der erste im Alphabet. Er vertraute mir an, dass er nicht der erste sein möchte, wenn wir vor den Altar treten. Warum nicht, dachte ich und musste es bitter bereuen. Denn im Verlauf des Gottesdienstes sagte der Superintendent, der den Gottesdienst durchführte: " Und nun kommt her ..." Und ich kam, als einziger ging ich hin, Baumgarten hielt mich nicht zurück, denn es war noch nicht so weit, und so war ich vorne und mir würde zugeflüstert: "Was machst du denn hier?" und ich schlich peinlich berührt zurück. Später traten wir dann alle nach vorne und der peinliche Auftritt war wohl vergessen.

"Alles klar?" , scheint er zu denken.
Zum Konfirmationskaffeetrinken kam der Superintendent extra zu uns, wegen meiner Eltern.
Es war eine große Ehre für mich.

Zurück zu meiner lieben Oma: Im Herbst saßen wir dann in der Stube, es wurde dunkel und sie wollte Licht machen. Nein, sagte ich, wir machen Dämmerstunde, das ist doch schön. Ja, es war schön und wir hatten uns viel zu erzählen.

Ich überlegte mir meine ersten Tramptouren, sie war sehr dagegen, aber ich machte es doch. Erst eine Deutschlandtour nach Süden bis Luxemburg, dann meine zweite Tramptour nach England. Im nächsten Kapitel berichte ich ausführlich darüber.

Zum Abschluss der Würdigung meiner lieben Oma habe ich hier noch ein Foto, das wohl irgendwann für einen Ausweis gemacht wurde.

 

 

Sie heißt in meinen Aufzeichnungen "die liebe Oma", denn ich hatte auch eine böse.

 


Sie war natürlich nicht böse; "gut" und "böse" sind undifferenzierte Kinderbegriffe. Ich dachte deshalb an sie als böse Oma, weil sie der absolute Kontrast zu meiner lieben Oma war. Auf meiner ersten Homepage (Wie ein Blog, nur selbstgestaltet, mit Fotos.) habe ich die beiden verglichen und der Text folgt hier original:

...
dialektik der kindheit: die liebe oma und die böse oma.
...
als meine mutter gestorben war, nahm meine liebe oma die mutterstelle ein.
sie war milder als meine mutter.
...
mir fällt ein, dass meine böse oma
den gottesdienst am sonntag im radio gehört hat.
pah, diese hexe (hier ist die bedeutung eindeutig negativ gemeint),
das half auch nix,
hatte ich als kind schon gedacht,
was willst du mit dem gottesdienst?
...
"du bekommst für das erbsen-auspaalen 10 Pfennig."
dieses geld hab ich nie gesehen.
...
...
meine gute oma wollte auch den gottesdienst im radio hören,
sie hatte ein radio,
das irgendwie nicht funktionierte.
guck mal, jürgen.
natürlich hatte ich keine ahnung,
aber ich guckte
und sah staub auf der sicherung,
blies den weg - und - es funktionierte wieder.
sie strahlte -
...

nur ein einziges mal gab es ein problem: das tomatensuppendrama.
ich habe mich nie mehr dafür entschuldigen können.

Homepage, V 266

Das muss ich erklären. Als Kinder der 1960er Jahre kannte ich nur die Tomatensuppe aus der Tüten, simpel und billig. Aber meine Oma machte mir eine richtige Tomatensuppe aus richtigen Tomaten; das hatte ich nicht erwartet und war sehr unwirsch. - Was schrieb ich? ich habe mich nie mehr dafür entschuldigen können. Es ist eine Last, wenn man sich Jahre später an ein unmögliches Verhalten erinnert und sich nicht mehr entschuldigen kann.

 

Was mir bei meiner bösen Oma immer als erstes einfällt, ist, dass sie keine Zähne mehr hatte und deshalb einen Keks erstmal in den Kaffee tunkte, um ihn essen zu können. Ich hatte kein bisschen Mitleid mit ihr. Das kommt schließlich auch von unserer allerersten Begegnung Jahre zuvor, zu Weihnachten. Am ersten Weihnachtstag kamen die "Jarlitzer", also die Verwandten väterlicherseits, in Bevensen vorbei. Meine böse Oma betrat die Stube, sie hatte eine Leberwurst, einen Ring, in der Hand und der segelte in den Schoß meiner Mutter, begleitet von den Worten: "Da hest du dien leberwost!" Als Kind ohne Erfahrung war ich nicht fassungslos, sondern nur erstaunt.
Ich war ja in den Sommerferien ein- oder zweimal in Jarlitz, meine Schwestern jahrelang, Neid, Neid, Da spielte sich die Geschichte mit den Erbsen ab. Und da musste ich mal, ging in das neue Badezimmer, der ganze Stolz der Familie, und pinkelte ins Waschbecken. Ich schäme mich bis heute nicht. "Das riecht im Badezimmer so komisch!"

Ja und dann kam der Vorfall nach dem Abendessen. Ich war fertig und wollte mich auf den Rücken von Rolf, dem Haushund, setzen, der war aber offenbar so erschrocken, dass er mir in die Wange biss. Ich erinnere mich nicht mehr daran, dass mein Onkel mit dem Fahrrad nach Rosche fuhr wegen eines Arztes. Alles nicht so schlimm, beruhigte man mich, immerhin schrieb (wir hatten kein Telefon) man meinen Eltern, mein Vater kam dann sofort angebraust, er war bestürzt und nahm mich mit zu unserem Hausarzt. Der bestrich, damals üblich, die Wunde mit Jod, brannte höllisch, aber ich überlebte. ;-)
Was ich bei Familienfeiern in Jarlitz so erlebte, mal weniger wichtig und total wichtig. Weniger wichtig: Mein Onkel schenkte mir eine Zigarrenkiste, die ich zum Spielen haben wollte. Da war ein älterer Mann, vielleicht ein Student. Der brauchte die auch und dann nahm mein Onkel mir die wieder weg und sagte, ich kriege die nächste Kiste. Bekam ich natürlich nicht.
Wichtig: Einmal waren wir nach dem Tod meiner Eltern da und mein Onkel regte einen Gang im Dorf vor dem Mittagessen an. Einige Männer, wir waren ca zehn, ich war nun auch dabei. Man ging durch's Dorf und als man zur Dorfkneipe kam, ging man hinein.
Wir saßen am Stammtisch und als die Bedienung kam, bestellte mein Onkel eine Runde, d h ein Bier, ein Korn. Ich erwartete, dass man mich fragte, was ich denn wolle, "Und Kleiner, was willst du?",die Frage kam aber nicht, stattdessen stand dann vor mir ein Bier und ein Korn, wie bei den anderen. Eigentlich war ich Anti-Alkoholiker und jetzt dieses Problem, einerseits das, andererseits diese Anerkennung, dass man schon nicht mehr Kind war. Ich trank also mit, es wurden mehrere Runden und als wir verspätet zum Essen kamen, war unsere Tante Ella wegen des Essens total sauer. Ich trank an dem Abend dann noch mehr und war zum ersten Mal in meinem Leben (in Anwesenheit meines Onkels, der zugleich mein Vormund war) völlig betrunken.

In diesen Tagen verdiente ich mir etwas Geld, indem ich einen Koffer mit Arzneimitteln zum Bus getragen habe. Diese Beschäftigung mit dem Koffer verdankte ich meiner Schwester Heidrun, die eine Ausbildung in der Apotheke machte. Beim Warten habe ich den Aktuellen Plattenteller gehört, eine Musiksendung im ziemlich neuen Deutschlandfunk. Nie vergesse ich den Moderator, Peter Puder, der auf eine Zuschrift, dass man doch bei der Platte XY im Hintergrund Pferdegetrappel höre, nein sagte, da ist kein Pferdegetrappel. Auch ich hörte das Getrappel.

 

Schulzeit


Meine Grundschulzeit war schön. Ich ging zusammen mit meinem Freund Hänschen in die gleiche Klasse; Hänschen, das war der Neffe von Tante Hertha. Unser Klassenlehrer war Herr Alpers, den wir alle liebten, er war schon der Klassenlehrer von meinen beiden Schwestern. Da ich mich an kaum jemand anderen erinnern kann, muss er uns wohl in allen Fächern unterrichtet haben. Aus gewissen Anlässen heraus machte er für uns auch mal Aufklärungsunterricht, der aber total in die Hose ging.

Hänschen und ich


Aber, aus der Rückschau sehe ich das erst, er war äußerst geduldig mit uns. Zu sehen am Beispiel Jahrmarkt, dort gingen wir hin und ich erwarb ein billiges Taschenmesser, das ich stolz Herrn Alpers zeigte. Schrott, würde ich heute sagen, aber er sah alles freundlich an.
Einmal musste unsere meist brave Klasse doch nachsitzen, aber er befreite zwei Schüler, u a mich davon, indem wir die Klassenarbeitshefte zu ihm nach Hause bringen durften. Das war immerhin ein Vertrauensbeweis, aber eigentlich sollte so eine Bevorzugung nicht vorkommen. Und in diesem Fall rächte es sich sofort. Es war nämlich Sommer und plötzlich: hitzefrei! Und so sagten ein paar Mitschüler „Ätsch!!“ zu uns, als wir ihnen unterwegs begegneten.

Ein Ereignis für den Elternabend wurde lange vorbereitet. Es war „Das klinkesklanke Lowesblatt“, ein Theaterstück von Herrn Alpers, das wir viele Stunden übten. Ich bekam die Hauptrolle und spielte einen Prinzen und musste am Ende des Stückes die erwählte Prinzessin küssen. O, es gab darüber Geraune und bei mir Aufgeregtheit und Ängste. Aber es kam anders. Aus Gründen, die wir nie erfahren haben, wurde das Stück abgesetzt und nie wieder erwähnt. Was wohl der Grund war? - Ich hatte mit dem Auswendiglernen meiner Rolle kein Problem gehabt, wie es dann bei dem späteren Auswendiglernen bei den Chorälen der Fall war.


Gegen Ende der Grundschulzeit gab es eine mehrtägige Prüfung für die Mittelschule. Ich glaube, sie wurde nur für die Schüler durchgeführt, die nicht auf der Volksschule bleiben wollten, wie Hänschen z B., er blieb aber mein Spielkamerad.
Die Mittelschule hatte ein ganz neues Gebäude, unsere Klasse war im ersten Stock, ganz links, wenn man vor dem Portal stand. In meiner Jungenklasse, die Klassen waren nach Geschlechtern getrennt, habe ich mich nie so richtig wohl gefühlt, das wurde erst im Laufe der 10. Klasse deutlich besser, aber da war die Schulzeit schon zu Ende.
Herrn Gaude hatten wir als Klassenlehrer, die ganze Zeit (?), unser Verhältnis war nicht gut und nicht schlecht. Er war etwas streng, erst auf den Klassenfahrten wurde er lockerer und zugänglicher.
Englisch hatten wir bei Dr. Hoffmann. Er hatte immer ein schriftliches Konzept für die Stunde, das er auf die Innenseite von Briefumschlägen geschrieben hatte. Klaus und ich schummelten bei Arbeiten, indem wir die Arbeit mit Bleistift vorschrieben, das ging, weil der Arbeitsauftrag klar war, Fehler wurden von uns selbst eingebaut. Als ich bei einer Arbeit bei den unregelmäßigen Verben den Strich des „d“ nicht sehr hoch machte, bekam ich statt einer 1 eine 2. Klaus radierte mal die sichtbaren Bleistiftstriche weg; was machst du da?; ach, da war es dreckig!
Überhaupt war er sehr komisch. Wenn irgendwas ausprobiert, angewendet, vorgelesen werden sollte, war er in der ersten Minute unzufrieden und rief Rudolf Richter auf, der alles richtig machte. Realsatire, aber so war das. Einmal sah ich Rudolf Richter mit einem Blumenstrauß zur Wohnung von „Lesch“ (so hieß der Lehrer in der Klasse meiner Schwester) gehen und konnte mir darauf keinen Reim machen. Merkwürdig. Aber zum Schluss kam das größte. Er kündigte uns an, wenn wir ihm nach der Schulzeit auf der Straße begegnen würden, dann würde er die Straßenseite wechseln. Wir haben das für einen schlechten Witz gehalten, aber, einige Wochen später kam er mir entgegen und ging tatsächlich auf die andere Straßenseite.

Wohl erst in der 9. Klasse bekamen wir den Kunstlehrer Reis, von sich sehr eingenommen. Er hatte eine Sendung beim NDR Fernsehen, den Indianerclub. Davon sprach er viel und einige Schüler durften dort mitmachen. Ich nicht und war ein bisschen neidisch. Außerdem fuhren wir mit ihm nach Braunschweig, dort gab es ein experimentelles "Puppen"theater; innovativ und engagiert war er. Hatten wir nicht auch den Besuch der Gemälde-Ausstellung von Caspar David Friedrich in Hamburg ihm zu verdanken? Eine große Werkschau, die gibt es nie wieder!

Sport war für mich nichts, weil ich nicht gut war. Als ich dann Jahrzehnte später das Sportabzeichen machte, dachte ich, dass manche von den Guten von damals das nicht mehr schaffen würden. Spätentwickler, in jeder Hinsicht! Im Sommer war ich schlecht, Leichtathletik konnte ich nicht; im Winter war ich gut, Barrenturnen und so was. Im Sommer bekam ich eine 4, korrekt, im Winter eigentlich eine 2, aber da ich im Sommer eine 4 hatte, nur ne drei. Eine Logik, die Kinder zur Verzweiflung bringt. Aber da bekamen wir den Lehrer Tiemke und der spielte mit uns Prellball; man könnte sagen, dass Volleyball diese Sportart später ablöste. Die Cracks wählten drei Mitspieler aus und – jetzt kommt’s – der Lehrer spielte selbst mit, mit den schlechtesten Schülern! Also auch mit mir. Bis heute hat er meine Bewunderung. Es geht noch weiter, ich schrieb gerade von Spätentwickler. In dieser Gruppe wurde ich besser und besser und gehörte schließlich zu den besten Spielern. Auch wenn die Angabe beim Volleyball nicht gleich ist, habe ich bei meinen späteren Volleyball-Spielen davon sehr profitiert.


An den Deutschunterricht kann ich mich nur wenig erinnern, obwohl Deutsch doch mein Lieblingsfach war. Wir hatten am Anfang u a Herrn Sp., und später Herrn Sanne. Mit Herrn Sp. verbinde ich zwei Geschehnisse. Wir hatten seit ein paar Wochen einen neuen Schüler, der sich für unsere Verhältnisse geradezu extrem höflich oder vornehm ausdrückte. Er kam einmal zu spät, wurde an der Tür von Herrn Sp. abgefangen. Der Schüler antwortete, auf eine Zurechtweisung hin, die er nicht verstand (wir auch nicht!) "Würden Sie mir bitte ..." und da brüllte der Lehrer los; die ernstgemeinte Höflichkeit fasste der Lehrer als Provokation auf. - Als Merkwürdigkeit blieb mir das zweite in Erinnerung: Aus irgendwelchen Gründen war der Sohn dieses Lehrers in unserer Klasse. Wir hatten die ehrenvolle Aufgabe, für die Stadt Bevensen einen schönen Text zu schreiben, vielleicht für einen Prospekt oder so. Dass mein Text so gut war, um ausgewählt zu werden, war meinen Mitschülern klar. Aber da stellt sich Herr Sp. vorne hin und erklärt mit vielen, vielen Worten, dass der Text seines Sohnes besser sei als meiner. Ich glaube nicht, dass das stimmte.

In der 9. oder 10. Klasse bekamen wir den Deutschlehrer Sanne, ein sehr lieber älterer Herr. Ich fand ihn gut, saß in der vordersten Reihe, war mal albern und er musste nur leise auf seine freundlich-murmelnde Art „Jürrgen!“ sagen und schon war ich wieder brav.
Wir haben ihm zum Abschluss ein Buch geschenkt und – wie das Schicksal so spielt – ist dieses Buch irgendwo antiquarisch aufgetaucht, mit unserer Karte drin.


Klassenfahrten gab es auch, wir standen an der deutsch-deutschen Grenze in Brome, einem geteilten Dorf, waren im VW-Werk in Wolfsburg und haben vor allem eine Wanderung durch den Harz und dann noch eine Klassenfahrt nach Sylt gemacht. Beides tolle Wanderungen. Hier war unser Klassenlehrer relaxt; ein Harz-Heimleiter hatte eine gewisse Affinität zu den Duschräumen der Mädchen.



Hänschens Mutter hatte eine große Gärtnerei und wir spielten gerade hinten im Garten, als man uns ins Haus rief. Dort war gerade seine Mutter am Kartoffeln schälen und sie sagte uns, dass Hänschen nicht mitfahren könne, stattdessen dürfte ich mit seinem kleinen Bruder, Rolfi, ins Zeltlager nach Sylt fahren. Mein Vater war schon gestorben und meine Mutter hatte natürlich nichts dagegen und es wurde auch eine schöne Fahrt. Abends kraxelten wir über die riesige Wanderdüne, was heute streng verboten ist, und wir mussten abgesperrte Gebiete meiden wegen möglicher Munition aus dem Krieg. Ich habe mich nie für die Syltfahrt bedankt, trotz der Dankbarkeit, die ich spürte, ich war scheu, irgendwie.
Nach dem Tod meiner Mutter hatte ich noch eine Rote-Kreuz-Freizeit, zwei oder drei Wochen im Harz, für Kinder, die aus sozialen Gründen mal raus mussten.

 

Nach Deutsch war Chemie MEIN Fach! In keinem anderen Fach schrieb ich in den Arbeiten IMMER eine Eins. Meine Chemieexperimente haben sozusagen meine Schulzeit auf der Mittelschule begleitet; die Chemikalien besorgte mir meine Schwester Heidrun aus der Apotheke.

Ich versuchte auch kleIne Raketen herzustellen und bekam das dann ganz gut hin; habe ich alles protokolliert. Einmal hatte ich eine Rakete fertig, ich war ungeduldig und entzündete dies in einer Schale in meinem Zimmer - sonst immer draußen. Die brannte sehr, sehr gut und ich bekam mehr und mehr Panik, sie zischte und zischte und zischte ... Ein Wahnsinnsqualm kam aus dem dann geöffneten Fenster meines Zimmers, aber es hat wohl niemand bemerkt. Endlich war sie ausgebrannt! Nie wieder, dachte ich, ich hätte das ganze Haus abfackeln können.

Ich hatte einen einfachen Schreibtisch und gut sichtbar hatte ich dort einen Zettel. Dort standen die drei Möglichkeiten drauf, was ich nach der 10. Klasse machen sollte. Als Vollwaise war mir klar, um alles, was meine Zukunft angeht, muss ich mich selbst kümmern. Auf dem Zettel stand 1. Chemieschule 2. Abitur in Uelzen und 3. weiß ich nicht mehr. Uelzen war illusorisch für mich und da sind mein Onkel und ich mal nach Hannover gefahren, um mich in der Chemieschule Poulsen-Nautrup anzumelden und im Sozialamt vorbeizufahren.


 

Weitere Fotos


Es gibt inhaltliche Überschneidungen, da ich die Texte
zu ganz unterschiedlichen Zeiten geschrieben habe.